Das E-Mail-Tagebuch
Der erste Tag
Pünktlich (das heisst fast 2 Stunden spaeter als geplant) um 9.45 Uhr verabschiedete ich mich von meinen Eltern in Pasewalk, die mir noch mehrfach auf den Weg gaben, dass es wirklich überhaupt gar kein Problem sei, mich mit dem neuen Auto und dem neuen Fahrradgepäckträger von unterwegs wieder abzuholen und nach Hause zu bringen. Was denken die eigentlich von mir?
Bis zur Grenze eine gute Stunde, bis zum KFC in Stettin noch eine halbe drauf und dort gab's erstmal Mittag.
Dann eine Polenkarte an der Tanke gekauft, kurz nochmal die verdutzt dreinschauenden Verkäufer nach dem Weg nach St.Petersburg gefragt und weiter ging es über Stargard bis nach Drawsko Pomorskie.
Die 155km fielen mir zum Ende hin doch immer schwerer, aber etwas anderes habe ich für den ersten Tag auch nicht erwartet. Jedoch entgegen den Erwartungen brauchte ich die Regenklamotten nicht, auch wenn es ab und zu mal tröpfelte.
Das Hotel dort war 1a! Zu einem Preis, den man in Deutschland so sicher auch zahlen würde, jedoch in Euro! Abends noch für 2 in der örtlichen Pizzeria zugeschlagen und dann dann die müden Beine ins komfortable Bett gehievt.
Datum: 30.08.2010 08.00 Uhr
Der 2. Tag
Um 6:45 Uhr aufgestanden, um nach ausführlichem Frühstück die von der gestrigen Wäsche noch klammen Fahrradklamotten überzuziehen. Auch die Sachen in den Gepäcktaschen habe ich nochmal umgepackt und optimiert.
Die ersten Kilometer fielen nach dem gestrigen Tage schon schwer, auch wollte mein Hintern zunächst nicht auf dem Sattel Platz nehmen. Es ging aber von Kilometer zu Kilometer immer besser.
Ganz so heil, wie ich eingangs schrieb, scheint die Welt in Polen doch nicht zu sein. Besonders das Federvieh auf den Dörfern scheint aus unerfindlichen Gründen depressiv zu sein. Sie versuchen jedenfalls regelmäßig in den Speichen meines Vorderrades den Freitod zu finden. Dieses Ansinnen verlangt von mir regelmäßig riskante Lenk- und Bremsmanöver.
Die polnischen Autofahrer verhalten sich sehr, sehr rücksichtsvoll. Offensichtlich sind Fahrräder zwischen den Dörfern kein seltenes Ereignis.
Nach 165km kam ich in Bytow an. Es geht meinen Beinen besser als gestern. Morgen will ich in Danzig ein verspätetes Mittag essen. Darauf freue ich mich schon.
Datum: 30.08.2010 08.00 Uhr
Dritte Tag - aus Danzig
Bin um 9 Uhr aus dem ganz passablen Pferdehotel abgefahren und rechnete mit der Ankunft in Danzig so gg. 14Uhr. Punkt 14 Uhr sass ich dann in einem der vielen Restaurants beim beruehmten Krantor. Bis dahin waren es ziemlich genau 100 Fahrrad-km mit sehr viel auf und ab, teilweise frontalem Gegenwind und sehr vielen Baustellen. In den Waeldern an den Parkplaetzen standen immer Pilzsammler und verkauften ihre Beute.
Insgesamt habe ich hier fuer das wunderschoene Danzig etwas ueber 2 Stunden. Wer jetzt meint, dass dies zu wenig waere, der hat Recht! Ich haette stundenlang durch die Strassen und Gassen der Altstadt fahren koennen. Kann ich aber leider nicht; aber ein Zugticket Stettin-Danzig kostet 10 Euro, Unterkunft und Essen ist zur richtigen Jahreszeit aeusserst preiswert. Also!
Nachher werde ich noch 35km in Richtung russischer Grenze machen, damit mich die russischen Grenzer morgen nicht mit Zeitverzoegerung erpressen koennen.
Datum: 30.08.2010 15.55 Uhr
Der verflixte 4.Tag
Eigentlich versprach der Tag ganz nett zu werden. Nur 135km bis Koenigsberg, morgens schien die Sonne und Königsberg war ein motivierendes Ziel.
Aber es fuhr sich schwer, sehr schwer. Häufig gegen den Wind auf langen, langweiligen Straßen. Und so nahm ich auch eine Abzweigung vor Braunsberg zu spät, was zusaetzlich 10km Umweg bedeuteten. Die letzten Tage auf dem Rad haben ihre Spuren hinterlassen.
Die von mir so gefürchteten, mürrischen, russischen Grenzbeamten waren sehr gesprächige, zuvorkommende, junge, ansehnliche Grenzbeamtinnen, die die Gelegenheit zur Vervollkommnung ihrer Deutsch- bzw. Englischkenntnisse offensiv und charmant wahrnahmen. Ich war Kumpel und nahm mir die Zeit ;-). Kurz hinter der Grenze dann das Hinweisschild "St.Petersburg 1001km" - meine Stimmung stieg und stieg.
Dann jedoch begann der Regen. Zunaechst troepfelte es nur. An einer Bushaltestelle gabelte ich 2 andere deutsche Radtouristen auf. Fuer eine Stunde konnte ich ab und zu mal Windschatten geniessen. Herrlich! Als es jedoch immer staerker und staerker regnete blieben Jan und Robert unter einem Baum zurueck, waehrend ich lieber noch die letzten 30km zum Hotel Kaliningrad bei Tageslicht schaffen wollte. Ich empfahl ihnen das Hotel und fuhr allein weiter.
Plitschnass kam ich in Kaliningrad an, bekam ein Zimmer im 7. Stock mit genialem Ausblick auf die Stadt, duschte meine Gepaecktaschen, meine Fahrradklamotten und mich, holte Geld am Automaten und wollte gerade zum 24h-Supermarkt gehen, da traf ich Jan+Robert, die gerade beim Hotel-Einchecken waren.
Ich ass und trank noch eine ganze Menge, legte meine Beine hoch und schaute von meinem Zimmersessel dabei auf das naechtliche Kaliningrad.
Datum: 02.09.2010 17.27 Uhr
5. Tag
Aus Kaliningrad herauszufahren, ist wirklich nicht einfach. Die Strassen scheinen erst dann geflickt zu werden, wenn auch die Gelaendewagen in den Spurrinnen aufsetzen.
Auf dem Standstreifen einer nagelneuen Autobahn ging's dann die 35km bis nach Zelenogradsk, dem beruehmten ehemaligen Cranz. Diese Stadt ist auch der suedlichste Punkt der kurischen Nehrung. Selbstverstaendlich ist diese ganz aussergewoehnliche Naturlandschaft Weltkulturerbe und beliebtes Ausflugsziel der einheimischen Russen und Litauer. Ziemlich exakt 100km lang und meistens nur ganz wenige 100m breit fuehrt die Nehrung zwischen Ostsee und einem Haff nach Nordenosten. Schade nur, dass auch genau aus dieser Richtung der Wind kam. Mein Tacho verraet mir, dass meine Durchschnittsgeschwindigkeit der letzten beiden Tage um 20% niedriger ist, als zuvor. Die Strecken sind also quasi 25% laenger! Es ist alles sehr, sehr zermuerbend. Ich gebe zu, dass ich mit dem Gedanken spiele, ab Riga den Zug zu nehmen, wenn nicht endlich mal der Wind dreht. Aber dahin muss ich erst einmal kommen.
Dabei war mein erster Besuch auf der Kurischen Nehrung vor genau 2 Jahren auch der Ausloeser fuer die Idee zu dieser Tour. Als ich damals 2 Radtouristen sah, dachte ich: das willste auch! Und jetzt will ich nicht mehr, wegen diesem *%#@&-Wind!
Auf der Haelfte der Nehrung ist die russisch-litauische Grenze. Man beanstandete den zerschlissenen Zustand meines Passes, liess mich dann aber doch weiter. Spaet erreichte ich die Faehre fuer die 100m von der Nehrung nach Klaipeda, die in diese Richtung sogar kostenfrei ist.
Nun versuche ich Ruhe zu finden, weil es morgen so um die 170km sind. Die wohl laengste Tagesetappe dieser Tour - laut Plan.
Datum: 02.09.2010 18.20 Uhr
6. Tag
Der Wind blaest unveraendert aus Nordost. Heute noch einmal staerker als gestern! Schon nach wenigen km merke ich, dass 170km nicht zu schaffen sind, wenn die Durchschnittsgeschwindigkeit weit, weit unter 20km/h liegt, statt wie kalkuliert bei knapp 25.
Dann kamen auch noch 36km Sandstrasse, die durch den einsetzenden Regen auch nicht besser wurden. Ich wurde ordentlich durchgeschuettelt, im Sand rutschten die Raeder hauefig weg. Der Schnitt lag nun bei 12km/h! Waehrend des Regens liess wenigstens der Wind nach. Mein Tagespensum habe ich heute nicht geschafft.
Das Wetter bzw. der Wind scheint sehr stabil zu sein. Wenn der Wind weiter so bleibt, wie die letzten 4 Tage, dann muss ich umplanen, oder ich gehe kaputt. Ich ueberlege nun die 3 Radtage von St.Petersburg nach Helsinki zu streichen, weil deren Zweck nur das Erreichen der Faehre ist. Vielleicht aendert sich die Wetterlage, wenn ich einen Tag warte? Riga boete sich dafuer an.
Ich habe noch keine Entscheidung gefaellt. Was wird morgen kommen?
Datum: 03.09.2010 06.33 Uhr
7. Tag
Ich merke morgens bereits, dass ich ziemlich erschoepft von den zurueckliegenden Tagen bin. Eigentlich dachte ich aus den Erfahrungen der anderen Touren, dass sich der Koerper an die Anstrengung gewoehnt. Statt dessen bin ich muede und mir tun die Knie vom "harten" und permanenten Treten gegen den Wind weh. Kein gutes Zeichen!
Ich beschliesse umzuplanen, zumal der Wetterbericht Windgeschwindigkeiten bis zu 70km/h ansagte. Ich weiss nicht genau, was das bedeutet, aber ich bin mir sehr sicher, dass dann Fahrradfahren unmoeglich ist. Ich vermute, dass selbst Seitenwind mit dieser Wucht mich von oder auf die Strasse weht, was sehr gefaehrlich ist.
Ich werde mir bis St.Petersburg zwei Tage mehr Zeit geben. Dafuer streiche ich die Weiterfahrt mit dem Fahrrad zur Faehre in Helsinki. Da fahren bestimmt auch Zuege hin.
Ich begebe mich nach ausgiebigen Fruehstueck auf die Strasse nach Norden. Der Wind ist noch staerker und boeiger als an den Vortagen, kommt nun aber aus Nordwest und nicht mehr komplett frontal. Die Birken und kleinere Kiefern am Wegesrand wiegen sich hin und her. Buesche und Straeucher sowieso. Die ersten 50 km der heutigen Tour ueber die litausch-lettische Grenze bis Saldus gehen nach Norden und sind die reinste Qual. Kleinere Abschnitte musste ich sogar Schieben! Es dauerte alles ewig.
Ab Saldus verlaeuft der Weg nach Riga jedoch fast genau nach Osten. Und darauf habe nur gewartet. Zum erstenmal seit 3 oder 4 Tagen kein frontaler Gegenwind. Im Gegenteil: der Wind kam nun von der Seite, aber eher so schraeg hinten, sodass er teilweise etwas schob! Genial!
Dennoch machte ich nur noch weitere 35km, weil ich muede war und mir die Knie weh taten. Die Planaenderung gab mir die Zeit, ich befinde mich derzeit ca. einen dreiviertel Tag hinter dem urspruenglichen Plan und bin gespannt, was kommen wird. Zur Not breche ich die Radtour eben ab.
Datum: 04.09.2010 21.29 Uhr
8.Tag: Kein Wind.
Windstill! Es ist windstill. Von wegen Windboen mit max. 70km/h! Ich muss da etwas falsch gedeutet haben. Windstill und sonnig. Allerdings ueberall am Horizont dicke Regenwolken. Egal: windstill!
Dennoch sind die Beine von den letzten Tagen immer noch schwer. Ich mache viele und haeufige Pausen. Es nieselt zwischendurch, auch mal etwas doller. Spritzwasser vom Verkehr auf dieser "Autobahn" nach Riga macht die Sache fuer mich noch feuchter. Aber Wasser ist derzeit nicht mein Problem.
Riga hinterlaesst keinen dollen Eindruck. Zunaechst lande ich in einem Riga-Marzahn, dann habe ich Muehe den Weg in die Stadt und wieder hinaus zu finden. Wegweiser habe ich nicht einen einzigen gesehen.
Am spaeten Nachmittag verlasse ich die Stadt, nach dem ich Stopp an einem McDonalds gemacht habe. Lag es daran oder an der Tatsache, dass ich den ganzen Tag leichtes Treten hatte: je spaeter der Abend desto besser ging es. Ich schaffte endlich wieder den normalen Schnitt.
Ich bin wieder optimistischer. Auch habe ich gerade per Email erfahren, dass der Nachbar einer Freundin die ganze naechste Woche in St.Petersburg ist. Was fuer ein Zufall! Martin, wenn du das hier liest: ich melde mich. Lass uns zusammen in die Eremitage gehen!
Datum: 04.09.2010 21.59 Uhr
9. Tag - Fahrt im Wohnmobil "Claudia"
Obwohl ich spaet wegkam, lief es richtig gut. Die Strecke ging auf und ab, kein Wind, die Landschaft abwechlungsreich und die Sonne schien kraeftig.
Ich war gerade eine Stunde unterwegs, da hoere ich ein komisches Geraeusch am Hinterrad. Ich hielt an und die Ursache dafuer war schnell gefunden: eine Speiche im Hinterrad war gebrochen. Die Strassen hier sind schon sehr fordernd! Das Rad hatte eine Acht und schliff daher immer an der Bremse.
Selbst konnte ich das nicht in Ordnung bringen, ich habe naemlich weder Ersatzspeichen noch Speichenschluessel dabei. Vielleicht sollte man zukuenftig so etwas einstecken, aber wenn die Speiche auf der Zahnkranzseite bricht, dann kann man allein mit Speichenschluessel auch nichts machen. Eine Weiterfahrt wuerde Schlauch und vielleicht auch die Decke zerstoeren.
Es war spaeter Vormittag, also draengte gluecklicherweise nicht die Zeit. Ich befand mich aber ziemlich in der Mitte zwischen Riga und der naechsten groesseren Stadt. Also entweder 50km nach vorn oder zurueck trampen. Sonntags wird kein Fahrradladen aufhaben. Um keinen Sankt-Petersburg-Tag zu verlieren, entschloss ich mich gegen die Rueckreise nach Riga.
Doch wer nimmt einen Anhalter mit 3 dreckigen Taschen und einem kaputten Fahrrad mit? Ich versuchte es 15 Minuten lang bei Ueberlandbussen und LKWs. Keine Reaktion, bis ploetzlich ein Hollaender anhielt. Selbstverstaendlich mit Wohnmobil. Er hiess Cyrill, war Anfang 40, sein Wohnmobil hiess "Claudia", nach seiner verstorbenen Frau. Er hat unweit meines Tageszieles in Estland ein Bauernhof gekauft, wandert nun nach Estland aus, will auf dem neuen Hof Selbstversorger werden. Ein interessanter Typ, ein interessanter Plan, er schmeisst mein Fahrrad in sein Wohnmobil zu dem restlichen Kram und faehrt mich die volle Strecke bis zu meinem Tagesziel. Glueck im Unglueck!
Morgen macht der eine Fahrradladen hier in Valga erst um 10 Uhr auf, der andere erst am Dienstag. Hoffentlich sind die im Ersten bereit und in der Lage mir zuhelfen.
Datum: 05.09.2010 22.44 Uhr
10. Tag - Problem (vorerst) geloest
War gerade in dem Fahrrad- und Skigeschaeft. Ein netter, junger Mechaniker nahm sich meines Problems an und wechselte die Speiche. Beim Spannen knallte die naechste Speiche durch. Auch die wurde gewechselt.
Die kommenden beiden Etappen sind recht kurz. Ich hoffe, dass nicht weitere Speichen brechen, befuerchte es aber nach den Erfahrungen auf der Istanbul-Tour fast. Mal schauen.
Heute frueh traf ich beim Fruehstueck ein Rentnerpaerchen aus dem Ruhrgebiet mit viel internationaler Biketourerfahrung. Wuestenprofis. Er war auch kuerzlich mit Enkel in Pasewalk auf einer Tour von Kiel an die polnische Grenze.
So, jetzt geht's auf nach Tartu, wo ich vor 3 oder 4 Jahren mal zum Skimarathon war.
Datum: 06.09.2010 10.27 Uhr
10. Tag
Nach dem Austausch der defekten Speichen (wobei mir der Mechaniker nur die beiden Speichen ohne Arbeitslohn berechnete: zusammen 40 Cent, weil ich "Tourist" bin - Danke! ) ging's gegen Mittag auf die nur 85km nach Tartu. Eine schöne Strecke mit einer Menge Auf und Ab, aber gluecklicherweise ohne wirklich giftige Anstiege.
Anfangs pruefte ich auf jedem Gipfel vor der Abfahrt die Speichen, aber bis jetzt blieb alles OK. Toi, toi, toi.
Unterwegs hielt ich zufaellig an einem Hotel auf einen Kaffee und 5 Stueckchen Kuchen (Kalorien!) an und erkannte darin die Unterkunft, in der wir vor 3 Jahren beim Tartu-Skimarathon schliefen. Telefonische Ruecksprache mit einem anderen Skimarathoni von damals gab Gewissheit. Tja, Zufaelle gibt's!!!
Tartu ist eine ueberraschend schoene Stadt. Ich schaetze, dass es von hier aus nur noch 330km bis Sankt-Petersburg sind. Der Plan sind eigentlich 3 Tage, und morgen stehen nur 65km bis zu naechsten Sehenswuerdigkeit an. Andererseits wuerde ich morgen auch, solange es gut laeuft, ein paar Kilometer mehr machen. Dann werden die kommenden Tage einfacher. Aber je weiter ich nach Norden komme, desto weniger besiedelt ist das Land, die Hostels werden immer seltener (aber auch billiger), von daher bin ich nicht mehr frei in der Streckengestaltung.
Ich werde morgen live entscheiden, wenn ich am historisch so bedeutenden Peipus-See ("Schlacht auf dem Eise") stehe, Europas 5.-groesster See.
Datum: 06.09.2010 22.12 Uhr
11. Tag: die Maedchentour
Nach dem ueberraschend starken Wind zwischen Danzig und Riga gab ich mir ja 2 Extratage mehr. Den heutigen haette ich gar nicht gebraucht, es war geradezu eine Maedchentour: 65km bei Sonnenschein ueber gut ausgebaute estnische Strassen. Und so beruehrte ich zwischen der letzten Ampel am Stadtrand Tartus und meiner Unterkunft hier am Peipus-See mit meinen Schuhen auch nicht einmal estnischen Boden, nahm die kurzen knackigen Anstiege zwischendurch sportlich und liess meinen Blick ansonsten ueber die menschenleere und attraktive Landschaft Estlands schweifen.
Lustig ist, dass die Leute mich immer vor kommenden Gefahren warnen, bei sich jedoch alles fuer sicher halten. So warnte mich die aeltere Dame, die diese Unterkunft hier betreibt, dass in Russland viel geklaut wird und ich aufs Fahrrad aufpassen muss; in Estland sei jedoch alles sicher. Ich muss dabei an den einen Hotelangestellten in Kaliningrad denken, der mich vor Litauen warnte, jedoch Kaliningrad sicher fand.
Der Peipus-See koennte genausogut auch der Indische Ozean sein. Ausser dem eigenen Ufer ist nur Wasser zu sehen. Vor 3 1/2 Jahren fuhren wir mit unserem Mietwagen zu den Eisanglern auf den zugefrorenen See, der in der kalten Jahreszeit auch als passierbare(?) EU-Aussengrenze zu Russland fungiert. Auf dem zugefrorenen See schlug vor 750 Jahren Alexander Newski den Deutschen Ritterorden und fixierte somit die Grenze zwischen Orthodoxie und Katholizismus und ermoeglichte das Ueberleben der Keimzelle des heutigen Russlands. Mich faszinieren solche Orte, auch wenn nichts weiter als eine ganze Menge Wasser zu sehen ist.
Morgen will ich bis in die estnisch-russische Grenzstadt Narva fahren (was mir meine Vermieterin hier eben gerade gar nicht glauben wollte), und von dort sind es dann nur noch 150km bis St.Petersburg.
Datum: 08.09.2010 16.33 Uhr
12. Tag
Bin zwar frueh aufgestanden, habe aber trotzdem lange gebraucht, bis ich auf der Strasse war. Irgendwie hatte ich auf die 130km heute keine Lust. Wohl eine Folge der recht kurzen Etappen der letzten 3 Tage.
Die Strassen sind top, aber die Infrastruktur wird immer duenner. Insgesamt nur an 3 Tankstellen vorbeigekommen. Habe daher immer Extragetraenke und Extrariegel dabei.
30 km vor dem Ziel an der estnisch-russischen Grenze heftet sich ein Einheimischer an mein Hinterrad. Nach einer Weile laesst er mich lutschen umd macht vorne ordentlich Dampf. Hat richtig Spass gemacht.
Morgen geht's ueber die Grenze und dann sollen die finalen 150km in St.Petersburg enden. Mal schauen.
Datum: 08.09.2010 20.58 Uhr
13. Tag - Ankunft in St.Petersburg
Dieser Grenzuebergang an der EU-Aussengrenze ist ein echtes Highlight. Narva(Estland) bzw. Iwangorod(Russland) ist eine geteilte Stadt, die auf beiden Seiten des reissenden Grenzflusses eindrucksvolle, mittelalterliche Burganlagen besitzt. Diese wurden mit hohen, modernen Zaeunen und allerhand Hightech upgedatet. Einfach eindrucksvoll und definitiv unter den Top3 der von mir ueberquerten Grenzuebergaenge.
Insgesamt dauerte es 30 Minuten, weil man aufgrund des aeusserlich ueblen Zustandes meines Passes diesen mal wieder "doublecheckte". Egal, der Pass ist voll und hat nach der Ausreise aus Russland seinen Dienst getan.
Ansonsten ging es von Iwangorod bis nach St.Petersburg zunaechst 130km ziemlich schnurstracks nach Nordosten, auf teilweise hervorragenden Strassen. Teilweise bewiesen die Russen aber auch, dass sie richtig gut Scheissstrassen bauen koennen. Die Speichen hielten!
Als ich schon dachte am Ziel der langen Reise angekommen zu sein, fing das Abenteuer erst richtig an. Eine Art Fahrradweg in die Stadt gibt es wohl nicht, daher bin ich von der immer staerker befahrenen Fernverkehrsstrasse auf die 8-spurige Stadtautobahn, deren Standstreifen ich fast fuer mich allein hatte. Ueber 20km fuhr ich so bis ins Stadtzentrum, fragte immer die Autos mit Reifenpanne nach dem Weg, weil eine Ausschilderung ins Zentrum natuerlich nicht zu erwarten war. Die Aus- und Auffahrten waren jedesmal sehr spannend ;-).
Irgendwann gelangte ich dann ueber die Moskowskaja Chaussee in die eigentliche Innenstadt und bin zum zweiten Mal an diesem Tage schwer beeindruckt. Rechts und links der sehr breiten Strasse ueber Kilometer hinweg sehenswerte, durchweg 5-stoeckige Gebaeude. Eine wirklich tolle Stadt!
Insgesamt bin ich heute wesentlich mehr Kilometer gefahren, als gedacht. Bin ziemlich erschoepft, auch weil Stadtverkehr mit dem Fahrrad und permanentes Stop&Go natuerlich mehr schlaucht, als Landstrasse.
Egal, bin nun da, werde die naechsten Tage mit extensivem Sightseeing verbringen, evtl. sogar Martin treffen und evtl. hier noch eine kleine Tourstatistik hinzufuegen.
Datum: 10.09.2010 04.56 Uhr
Auswertung
Morgen frueh geht mein Zug nach Helsinki. Eine Fahrradkarte konnte man mir nicht verkaufen, aber ich werde mein liebes Sportgeraet schon irgenwie mitbekommen.
Die 3 Tage in St.Petersburg vergingen sehr schnell. Am ersten ging ich ein wenig durch die riesige Altstadt und verschaffte mir einen Ueberblick, um mich abends kurz mit Martin auf ein Kaffee/Bier zu treffen, der leider schon am naechsten Tag die Stadt per Flugzeug verliess. Am zweiten Tag nahm ich mit der Eremitage einen Museumsmarathon in Angriff, den ich nach 5 Stunden erschoepft abbrechen musste. Und abends war ich im Kino. "Machete", der neue Robert-Rodriguez-Film mit Danny Trejo war genau der richtige Kontrast zu Picasso, Cezanne und Matisse. Heute nun bei leicht regnerischem Wetter besichtigte ich Peterhof - ein Sanssouci direkt an der Ostsee. Am vielen Blattgold verblitzt man sich auch an Regentagen die Augen.
Eindrucksvoll!
Aber zur Tour: die laengste Etappe war die letzte: 167km von Narwa bis ins St.Petersburger Zentrum. Trotz mehr als 35km Grossstadtverkehr war dies aber nicht die anstrengendste. Hier kann ich mich zwischen den 4 Windetappen kaum entscheiden. War es nun der 2. Windtag mit kontinuierlichem und direktem Frontalwind oder eher der 4. Tag mit heftigsten Windboeen, die gluecklicherweise nur selten frontal kamen?
Die kuerzeste Etappe war die am Tage des Speichenbruchs: 20km. Trotzdem fuhr ich in den 13 Tagen in insgesamt 76h reiner Fahrzeit (netto) rund 1530km. Der Schnitt lag auf freier, windstiller Strasse ueber 25km/h, aber hinzu kommt die Hotelsuche, Sightseeingbummelei, Stadtein- und -ausfahrten, die Gegenwindtage, huegelige Abschnitte und auch mal die eine oder andere lustlosere Stunde.
Geplant waren eigentlich an 11 Tagen 1600km. Was habe ich bei der Planung falsch gemacht?
Der Plan war so schlecht gar nicht, allerdings habe ich dieses Mal etwas Pech mit den aeusseren Umstaenden gehabt. Nicht viel, aber wenn man allein faehrt lassen sich Schwaechephasen kaum zu kompensieren. Und die Umstaende zwischen Danzig und Riga haben mich physisch und vor allem psychisch geschafft. Ich bin dort im "roten" Bereich gefahren. Also haette ich bei der Planung doch vielleicht immer Ruhetage in Danzig, Koenigsberg und Riga planen sollen, die gleichzeitig einen Puffer im Plan dargestellt haetten.
Meine Ausruestung war gut! Einige wenige Dinge nur zu viel, nichts jedoch vergessen. Traf ich andere Biker, so fand ich meine Ausruestung/Ausruestungskonzept immer zweckmaessiger und passender. Das Fahrrad werde ich zum naechsten Mal etwas abaendern, das Speichenproblem muss ich in den Griff kriegen. Tourenraeder muessen einfach, robust und reparabel sein, Schnick-Schnack hat hier nix zu suchen.
Von der Strecke halte ich die Tour Pasewalk-SPb fuer eine der interessantesten Europas. Wer historisch interessante Staedte mag, versteht mich sicherlich. Hinzu kommt, dass es sich - mit Ausnahme vielleicht von Russland - sehr gut auf den osteuropaeischen Fernverkehrsstrassen faehrt. Die Autofahrer sind wesentlich ruecksichtsvoller als in Deutschland. Auf 500km durch Polen haben mich nur 5 Autos ruecksichtslos ueberholt; und davon hatten 2 ein deutsches Nummernschild! Und Hunde - der unversoehnliche Todfeind des Bikers - waren nur in Russland frei in den Doerfern unterwegs. Zum Glueck in einer Groesse, dass ich nur bis zur Wade angegriffen wurde. Gluecklicherweise hat mich nie einer erwischt, leider gingen meine Tritte und Steinwuerfe auch allesamt in die Luft. Einmal, auf der Kurischen Nehrung, konnte ich einen besonders giftigen Angreifer mit gerade gekauften Marzipankartoffeln besaenftigen - sofort wurde er mein bester Freund.
Wohin die naechste Fahrradtour geht? Also vorerst verspuere ich darauf keine Lust. Aber Plaene gibt's immer. Allerdings nur ganz wenige innerhalb Europas, dafuer umso mehr auf anderen Kontinenten. Allerdings sind diese in der Recherche, Vorbereitung und Durchfuehrung extrem aufwaendig, wenn's was besonderes und erfolgreiches werden soll. Da muss man im Winter viele, viele Abende recherchieren. Auch diese Tour war nur ein "Ersatz" fuer eine andere Fahrradtour in Zentralasien, die aufgrund der katastrophalen Zuspitzung der Sicherheitslage in Kirgisistan undurchfuehrbar wurde.
So, das soll's gewesen sein. In ein paar Jahren oder spaetesten zur naechsten Radtour werde ich mir meine Aufzeichnungen hier durchlesen und mich erinnern und mich freuen. Wenn es der eine oder andere auch interessant fand - umso schoener!
Datum: 12.09.2010 21.57 Uhr
